Die moderne Physik ist bereits 100 Jahre alt. Junge unerfahrene Leute hatten in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Lehren der klassischen Physik einfach über Bord geworfen und sie ihren materiellen Grundlagen beraubt. Determinismus war nach dem verlorenen Krieg nicht mehr zeitgemäß. Lebensphilosophie und Positivismus waren angesagt.
Um diese Zeit war die Mathematik in einer Krise. Der Infinitesimalkalkül, auf den sich die Physik stützte, war zu einem Entwicklungshöhepunkt gekommen. Die Voraussetzung für dessen Anwendung war die Stetigkeit und der Zusammenhang einer Funktion, doch die Natur ist nicht stetig. Das fiel auf, je kleiner die untersuchten Strukturen wurden. Andere mathematische Werkzeuge mussten im Laufe des letzten Jahrhunderts erst geschaffen werden. So nahm die nichtnumerische Mathematik ihren Aufschwung. Boolesche Algebra, Mengenlehre und fraktale Geometrie lieferten neue Anregungen. Physik rechnet nicht mit Zahlen, sondern mit Relationen. Das ist der Kern der Relativitätstheorie und nicht irgendwelche mysteriöse höherdimensionale Räume, die mit der Materie nicht vereinbar sind.
Mittlerweile ist das Wissen über Mathematik stark gewachsen. Doch auf die Lehre im Fach Physik hat das keinen Einfluss genommen. Im Gegenteil, die Bestrebungen sind, an den alten Ideen festzuhalten. Die Zersplitterung der Physik in eine Reihe spezieller Fachbereiche behindert die Erneuerung zusätzlich, da auch Begriffsinhalte langsam divergieren. Wiedersprüchliche Altlasten der Lehre zu entsorgen, wird so immer schwieriger. Es finden sich immer weniger junge Leute, die das Fach Physik lehren wollen. Es wird höchste Zeit, neue Konzepte in die Physik einzuführen, damit sie einfacher und verständlicher wird. Noch scheint der Wille dazu zu fehlen. Es ist lukrativer, spektakuläre und teure Luftschlösser zu bauen, sich dafür zu feiern und diese unverständlichen Konstrukte einem teils staunenden und teils skeptischen Publikum vorzustellen, als ernsthaft die Grundlagen wieder auf eine materielle Basis zu stellen.
